Basic Solvency Capital Requirement (BSCR)

Die Begrifflichkeit Basissolvenzkapitalanforderung (BSCR: Basic Solvency Capital Requirement) wurde erstmals im Rahmen der Richtlinie 2009/138/EG vom 25. November 2009 zur Solvency II eingeführt. Bei der Berechnungsstruktur der Solvenzkapitalanforderung (SCR: Solvency Capital Requirement) stellt die Basissolvenzkapitalanforderung zusammen mit den Kapitalanforderungen für das operationelles Risiko sowie den Anpassungen für risikomindernde Effekte der versicherungstechnischen Rückstellungen und latenter Steuern die eingehenden Summanden dar.

Modulaufbau der Standardformel gemäß der Technical Specifications für die QIS 5
Abbildung 1: Modulaufbau der Standardformel gemäß der Technical Specifications für die QIS 51

Die Basissolvenzkapitalanforderung ergibt sich aus dem diversifizierten BSCR und dem Kapitalbedarf für immaterielle Risiken. Das diversifizierte BSCR bestimmt sich durch Aggregation mit einer vorgegebenen Korrelationsmatrix. Wenn in einer Versicherung keine immateriellen Güter vorhanden sind, besteht kein Kapitalbedarf für immaterielle Risiken.

Gemäß § 100 VAG ist die Basissolvenzkapitalanforderung (BSCR) eine Aggregation der Kapitalanforderungen der einzelnen Risikomodule, die eine Diversifizierung zwischen den folgenden Risiken ermöglichen:

  1. Marktrisiko
  2. Gegenparteiausfallrisiko
  3. Versicherungstechnisches Risiko Leben (Sterberisiko, Langlebigkeitsrisiko, Invaliditätsrisiko, Stornorisiken, Kostenrisiko, Revisionsrisiko, Katastrophenrisiko)
  4. Versicherungstechnisches Risiko Kranken (Biometrische Risiken, Prämien- und Reserverisiko, Stornorisiko, Änderungsrisiko, Schwankungsrisiko, Kostenrisiko, Revisionsrisiko, Katastrophenrisiko)
  5. Versicherungstechnisches Risiko Nichtleben (Prämien- und Reserverisiko, Stornorisiko, Katastrophenrisiko)
  6. Mit immateriellen Vermögenswerten verbundenes Risiko

Das Markrisiko gilt als bedeutendster Teilfaktor der Solvenzkapitalanforderung. Es gliedert sich in diese Teilrisiken:

  1. Spreadrisiko (für Anleihen und Kredite, Verbriefungen und Kreditderivate Risiko gegenüber marktüblichem risikoarmen Zinssatz)
  2. Zinsrisiko (alle Aktiva und Passiva, die sensitiv auf Veränderungen der Zinsstrukturkurve reagieren)
  3. Aktienrisiko (Risiken aus der Volatilität der Aktienkurse für alle diesbezüglichen Aktiva und Passiva)
  4. Immobilienrisiko
  5. Wechselkursrisiko (bzgl. Aktiva und Passiva in Fremdwährung)
  6. Marktrisikokonzentration (bei höherer Volatilität sowie gestiegenem Risiko bzgl. eines Emittenten in einem Kapitalanlageportfolio mit geringer Diversifizierung)

Kompliziert machen die Berechnung Diversifizierungseffekte zwischen den Risikomodulen, die sich teilweise gegenseitig aufheben, so dass die Zusammenhänge komplizierter sind als eine Summe dieser Teilfanforderungen. Wie beim SCR, bei dem Anpassungen für die Verlustausgleichsfähigkeit der versicherungstechnischen Rückstellungen aufgrund latenter Steuern vorgenommen werden2, ist auch die effektive BSCR geringer als die Summe der Einzelrisiken. Die Standardformel für BSCR berücksichtigt dies durch die Korrelation zwischen den Komponenten und ermittelt die Basissolvenzkapitalanforderung eines Versicherungsunternehmens wie folgt:

Standardformel für BSCR

Dabei bezeichnen

  • Corr{i,j} die Einträge der Korrelationsmatrix Corr_SCR
  • SCR{i} und SCR{j} die Kapitalanforderungen der einzelnen Risiken gemäß Zeile i und Spalte j der Korrelationsmatrix Corr_SCR
  • SCR{intangibles} Kapitalanforderungen des Risikos, das mit immateriellen Vermögenswerten verbunden ist.

Die Korrelationsmatrix ist definiert als:

Corr_SCR SCR{Markt} SCR{Ausfall} SCR{Leben} SCR{Kranken} SCR{Nichtleben}
SCR{Markt} 1 0.25 0.25 0.25 0.25
SCR{Ausfall} 0.25 1 0.25 0.25 0.5
SCR{Leben} 0.25 0.25 1 0.25 0
SCR{Kranken} 0.25 0.25 0.25 1 0
SCR{Nichtleben} 0.25 0.5 0 0 1

Die EU-Richtlinie (EU 2009)3 unterscheidet in Anhang IV neben dem Basissolvenzkapitalansatz drei Risikomodule: das nichtlebensversicherungstechnische Risikomodul (Anhang IV.2), das lebensversicherungstechnische Risikomodul (Anhang IV.3) und das Risikomodul Marktrisiken (Anhang IV.4). Diese unterscheiden sich durch die Teilsegmente, die in die Korrelationsmatrix wie folgt eingehen:

Risikomodul Berücksichtigte Untermodule
Nichtlebensversicherungstechnische Risikomodul SCR_NL_Prämien/Rückstellung: Untermodul Nichtlebensversicherungprämien- und -rückstellungsrisiko;
SCR_NL_Katastrophen: Untermodul Nichtlebenskatastrophenrisiko;
SCR_NL_Storno: Untermodul Stornorisiko.
Lebensversicherungstechnische Risikomodul SCR_Sterblichkeit: Untermodul Sterblichkeitsrisiko;
SCR_Langlebigkeit: Untermodul Langlebigkeitsrisiko;
SCR_Invalidität: Untermodul Invaliditäts-/Morbiditätsrisiko;
SCR_LV_Kosten: Untermodul Lebensversicherungskostenrisiko;
SCR_Revision: Untermodul Revisionsrisiko;
SCR_Storno: Untermodul Stornorisiko;
SCR_LV-Katastrophen: Untermodul Lebensversicherungskatastrophenrisiko.
Risikomodul Marktrisiken SCR_Zins: Untermodul Zinsänderungsrisiko;
SCR_Aktien: Untermodul Aktienrisiko;
SCR_Immobilien: Untermodul Immobilienrisiko;
SCR_Spread: Untermodul Spreadrisiko;
SCR_Konzentration: Untermodul Marktrisiko-Konzentrationen;
SCR_Wechselkurs: Untermodul Wechselkursrisiko.

Tabelle: Berücksichtigte Untermodule lt. Anhang IV EU-Richtlinie 2009/138/EG

Neben der Standardformel gibt es auch andere Zugänge, wie Simulationen (Campbell 2012)4. Üblicherweise werden die oben genannten Risikomodule unter Verwendung des Risikomaßes Value-at-Risk mit einem Konfidenzniveau von 99,5% über einen Zeitraum eines Jahres kalibriert.

1 http://www.solvency-ii-kompakt.de/files/print_files/sii-kompakt_integrierte_risikosteuerung_druckversion.pdf

2 https://www.berenberg.de/cgi-bin/fir/fir.cgi?rm=show_doc&ial=1&sb_userid=0&sb_eventid=0&doc_id=1833

3 Parlament, E., & Rat, E. (2009). „Richtlinie 2009/138/EG des europäischen Parlaments und des Rates vom 25. November 2009 betreffend die Aufnahme und Ausübung der Versicherungs-und Rückversicherungstätigkeit (Solvabilität II)“. Amtsblatt der Europäischen Union L, 335(1).

4 Campbell, M. P. (2012). A tale of two formulas: Solvency II SCR and RBC. Society of Actuaries, The Financial Reporter, 91(4), 10-13.