EKG-Check 2019: Verfahrensumstellung der Zinszusatzreserve zeigt sich in Kennzahlen nach HGB und Solvency II

Dass Solvency II und HGB eine gleichgerichtete Aussage zur Wirtschaftslage von Lebensversicherern treffen, war Gegenstand des Artikels EKG-Check 2018: Solvency II und HGB im Marktvergleich. Der Ertragskraft-Garantie-Check (EKG-Check) von Assekurata stellte dieses Thema im November 2019 mit aktualisierten Daten erneut auf den Prüfstand.

Im anhaltenden Niedrigzinsumfeld hatte der Druck auf die Ertragslage der Lebensversicherer durch die Zinszusatzreserve (ZZR) spürbar zugenommen, so dass der Gesetzgeber deren Berechnungsmethodik mit Wirkung zum Bilanzstichtag 31.12.2018 umgestellt hat (Korridormethode). Infolgedessen wurde der ZZR 2018 mit marktweit 6 Mrd. € ein deutlich geringerer Betrag zugeführt als noch im Vorjahr (16 Mrd. €), was sich spürbar in der HGB-Ertragssituation zeigt.

Eine Maßzahl für die Ertragssituation aus HGB-Sicht im Abgleich mit den bestehenden Garantiezinsanforderungen ist die Ertragskraft-Garantie-Quote (EKG-Quote). Konkret misst die Kennzahl, zu wieviel Prozent die Rechnungszinsanforderungen durch die modellierte Ertragskraft1 überdeckt sind. Beispielsweise drückt eine EKG-Quote von 300 % aus, dass das verfügbare Ertragsprofil eines Anbieters theoretisch ausreicht, um die im Bilanzjahr bestehenden Rechnungszinsanforderungen dreifach zu finanzieren, sofern neben den vereinnahmten Ergebnissen auch die Hälfte der bestehenden Bewertungsreserven sowie die freie RfB komplett aufgelöst würde.

Dies hätte freilich gravierende Auswirkungen, etwa auf die Überschussbeteiligung der Kunden, und gleicht daher eher einem theoretischen Extremszenario. Gerade deshalb eignet sich die EKG-Quote aber als Standhaftigkeits-Kennziffer, welche die Ertragssituation von Lebensversicherern miteinander vergleichbar macht. Sie stellt einen stark komprimierten Indikator zur Messung der Finanzkraft in Niedrigzinszeiten dar. Je höher sie ausfällt, desto mehr handelsrechtliches Ertragspotenzial steht einem Anbieter im Status quo zur Verfügung, um die Leistungsverpflichtungen gegenüber seinen Kunden zu finanzieren.

Ziel der nachfolgenden Analyse ist es zum einen, die Ertragslage unter HGB-Aspekten mit der Kapitalausstattung unter Solvency II abzugleichen, denn schließlich müssen die Gesellschaften die Anforderungen beider Bilanzsysteme einhalten. Zu diesem Zweck wurde in dem „HGB-Solvency-II-Profil“ ein Abgleich der EKG-Quote mit der Solvenzquote unter Solvency II vorgenommen. Für letztere wird aus Vergleichbarkeitsgründen auf die Basis-SCR-Quote zurückgegriffen, welche die Solvenzquote ohne Übergangsmaßnahmen und ohne Volatilitätsanpassung darstellt. Zum anderen zeigt die Analyse die Veränderung beider Kennzahlen im Vorjahresvergleich, um die Wirkung der Korridormethode einschätzen zu können. Exemplarisch für den Markt werden hierzu die zehn größten Lebensversicherer nach gebuchten Prämieneinnahmen 2018 („Big 10“) abgebildet.

Jeder dunkelorangene Datenpunkt steht für ein einzelnes Lebensversicherungsunternehmen zum Stichtag 31.12.2018, jeder hellorangene Datenpunkt für dessen Position 2017. Die jeweilige Entwicklung im Jahresvergleich wird durch die grauen Pfeile verdeutlicht. Vorteilhaft ist eine Position möglichst weit rechts oben, da dies auf eine komfortable Solvenzausstattung (rechts auf der x-Achse) und eine hohe garantieadjustierte Ertragskraft (oben auf der y-Achse) hindeutet.

HGB-Solvency-II-Profil
Abbildung 1: HGB-Solvency-II-Profil

Grundsätzlich lässt sich erkennen, dass Lebensversicherer mit hoher EKG-Quote tendenziell auch eine höhere Solvenzposition aufweisen (und umgekehrt). Für den gesamten Lebensversicherungsmarkt lässt sich dieser positive Zusammenhang statistisch über die Spearman-Korrelation rS der Einzeldaten für das Bilanzjahr 2018 nachweisen:

rS = +0,42     mit –1 ≤ rS ≤ +1

Inhaltlich lässt sich aus der Korrelation schlussfolgern, dass Anbieter mit wenig zinsforderndem Geschäftsprofil sowohl unter Ertrags- als auch Eigenmittelaspekten profitieren. Größere Herausforderungen haben demgegenüber solche Lebensversicherer zu stemmen, die mit einer vergleichsweise dünnen Kapitaldecke ausgestattet sind und darüber hinaus aufgrund ihrer Leistungsverpflichtungen im Bestand sehr hohen Kapitalanforderungen unterliegen.

Des Weiteren zeigt die Veränderung der Datenpunkte im Jahresvergleich, dass alle Anbieter ihre EKG-Quote (y-Achse) steigern können, was maßgeblich auf die Einführung der Korridormethode zurückzuführen ist. Mit dieser ging 2018 neben der marktweit gesunkenen ZZR-Zuführung auch eine geringere Rechnungszinsanforderung einher, was sich folglich auf die EKG-Quote ausgewirkt hat. Gegenläufig wirkte der Effekt aus den verringerten Kapitalanlageerträgen aufgrund der zurückgefahrenen Bewertungsreserveauflösungen. Marktweit führten diese Entwicklungen 2018 zu einer Erholung der EKG-Quote auf 418,26  von 371,06  im Geschäftsjahr 2017. Demgegenüber ist für die Basis-SCR-Quote (x-Achse) keine gleichgerichtete Entwicklung festzustellen. Neben der eigenmittelschonenderen Produktpolitik hat bei Versicherern mit garantielastigem Altbestand hier vor allem die ZZR-Methodenänderung zu einem deutlichen Quotenanstieg geführt. Demgegenüber fällt bei einigen Anbietern die Solvenzquote geringer aus als noch im Vorjahr, was zum Einen auf eine Eigenmittelreduktion infolge der Entwicklungen an den Kapitalmärkten zurückzuführen ist und zum Anderen auf Anpassungen im Rahmen der Modellrechnungen und der Managementregeln basiert.

Während sich 2018 mit der ZZR-Verfahrensänderung ertragsseitig Beruhigung eingestellt hat, ist infolge des weiter gesunkenen Zinsumfelds die Situation derzeit herausfordernder denn je. So lag die ZZR-Zuführung 2019 marktweit bei rund neun Mrd. €, was sich in einem erneuten Rückgang der EKG-Quote zeigen wird. Zudem werden die Solvenzquoten infolge des weiter verschlechterten Zinsniveaus und dem damit verbundenen Anstieg der künftigen ZZR-Zuführungen marktweit deutlich abnehmen, was sich besonders deutlich bei Anbietern klassischer Lebensversicherungen zeigen dürfte. Darüber hinaus hat die Europäische Kommission die Annahmen der Standardformel überprüft und Veränderungen auf den Weg gebracht, die sich in gegenläufigen Effekten in den Solvenzquoten widerspiegeln werden. Im Rahmen des Artikels Solvency-II-Review könnte Karten neu mischen wurden diese Auswirkungen analysiert.

 

1 Die modellierte Ertragskraft setzt sich aus den folgenden Komponenten zusammen: Kapitalanlageergebnis, Risikoergebnis, übriges Ergebnis, freie RfB sowie 50 % der Bewertungsreserven.

Hintergrundinformationen

In der Studie „EKG-Check 2019 in der Lebensversicherung“ stellt Assekurata die Wirkungszusammenhänge und Hintergründe ausführlich dar und bildet zahlreiche Einzel- und Marktanalysen auf Basis der Geschäfts- und Solvenzberichte sowie der MindZV-Veröffentlichungen der Unternehmen ab. Neben den eigentlichen EKG-Auswertungen werfen die Analysten auch wieder einen Blick auf die Break-Even-Nettoverzinsung, die Nettoverzinsungsmarge sowie den ROR und simulieren die Entwicklung der ZZR.

Interessenten können die knapp 60-seitige Studie „EKG-Check 2019“ (PDF) einschließlich vieler Auswertungen und Kommentierungen sowie die wesentlichen Einzeldaten der Unternehmen (Excel) im Internet unter www.assekurata.de bestellen.

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