Ermittlung der Kapitalanforderungen für das operationelle Risiko

Das operationelle Risiko wird im Standardansatz von QIS 5 wenig risikosensitiv – da unabhängig von den Risikoursachen – unter Berücksichtigung der versicherungstechnischen Prämien und Rückstellungen bewertet. Da eine quantitative Betrachtung des operationellen Risikos eine große Herausforderung darstellt, findet – im Vergleich zu Solvency II – diese Risikoart im Swiss Solvency Test ausschließlich auf Basis einer qualitativen Einschätzung Eingang in das Modell.

Das operationelle Risiko

Im Vergleich zu den anderen Risikoarten – z. B. Marktrisiko oder versicherungstechnisches Risiko – ist das operationelle Risiko erst seit relativ kurzer Zeit verstärkt in den Fokus der Betrachtung gerückt. Dies ist nicht zuletzt auf Fälle wie die unzulässigen Handelsaktivitäten bei der Société Générale oder Bilanzmanipulationen, wie bei Enron zurückzuführen. Vorfälle dieser Art haben die blinden Stellen von Risikomodellen, die sich auf die quantifizierbaren Risiken fokussieren, aufgedeckt. Solvency II adressiert das operationelle Risiko gleichermaßen quantitativ im Standardansatz als auch qualitativ über Säule 2.

Gemäß den Technical Specifications zu QIS 5 (TS.SCR 3. Seite 102) adressiert das operationelle Risiko die Gefahr, dass Verluste aus nicht geeigneten oder fehlerhaften Prozessen, personal- oder systembedingt oder durch externe Ereignisse oder Rechtsrisiken entstehen. Hingegen nicht unter das operationelle Risiko fallen Reputationsrisiken und Risiken, die aus strategischen Entscheidungen erwachsen.

Die MaRisk VA definieren das operationelle Risiko analog (Rundschreiben 3/2009, Seite 9).

Die Bewertung des operationellen Risikos in QIS 5

Die Kapitalanforderung für das operationelle Risiko errechnet sich in QIS 5 auf Basis der folgenden Formel:

SCROp = min(0,3 ⋅ BSCR;Op) + 0,25 ⋅ Expul

mit

BSCR =Basis Solvenzkapitalanforderung
Op =Basis Charge für das operationelle Risiko (außer für fondsgebundene Lebensversicherung)
Expul =in den vorangegangen 12 Monaten entstandene Aufwände für fondsgebundene Lebensversicherung

Zunächst wird zur Bewertung des operationellen Risikos der kleinere der beiden Beträge aus a) *30% des BSCR* und b) *der Basis Charge für das operationelle Risiko* herangezogen. Dies bedeutet, dass zuerst der Standardansatz soweit gerechnet werden muss, dass die Basis SCR als Eingangsgröße feststeht.

Neben dem BSCR bildet die Basis Charge für das operationelle Risiko den zweiten Faktor, der in der Formel berücksichtigt wird. Sie ergibt sich aus dem Maximum über Oppremiums und Opprovisions.

Oppremiums = 0,04 ⋅ (EarnlifeEarnlife−ul) + 0,03 ⋅ Earnnon−life + max(0;0,04 ⋅ (Earnlife − 1,1 ⋅ pEarnlife − (Earnlife−ul − 1,1 ⋅ pEarnlife−ul))) + max(0;0,03 ⋅ (Earnnon−life − 1,1 ⋅ pEarnnon−life)

mit

Earnlife =verdiente Bruttoprämien LV (Berichtsjahr)
Earnlife‑ul =verdiente Bruttoprämien fondsgebundene LV (Berichtsjahr)
Earnnon‑life =verdiente Bruttoprämien Nichtleben (Berichtsjahr)
pEarnlife =verdiente Bruttoprämien LV (vorangegangenes Geschäftsjahr)
pEarnlife‑ul =verdiente Bruttoprämien fondsgebundene LV (vorangegangenes Geschäftsjahr)
pEarnnon‑life =verdiente Bruttoprämien Nichtleben (vorangegangenes Geschäftsjahr)

Opprovisions = 0,0045 ⋅ max(0;TPlife − TPlife-ul) + 0,03 ⋅ max(0,TPnon-life)

mit

TPlife =Best Estimate Rückstellung LV
TPlife‑ul =Best Estimate Rückstellung fondsgebundene LV
TPnon‑life =Best Estimate Rückstellung Nichtleben

Bei den versicherungstechnischen Rückstellungen ist zu beachten, dass diese nicht die Risikomarge beinhalten dürfen (TS.SCR 3.2).

Die Hauptherausforderung zur Berechnung des operationellen Risikos in QIS 5 ergibt sich damit im Wesentlichen aus der Ermittlung des BSCR sowie der Best Estimate Rückstellung – die ohnehin als Grundlage zur Quantifizierung der Kapitalanforderungen benötigt wird. Die darüber hinaus erforderlichen Eingangsdaten zu den Bruttoprämien und zu den Aufwänden aus der fondsgebundenen Lebensversicherung liegen prinzipiell vor. Auf Basis dieser Informationen errechnet das QIS 5-Spreadsheet das SCROp selbst. Die hier abgebildeten Formeln sind also Bestandteil des Solospreadsheets und daher nicht extern zu berechnen.

Mögliche alternative Ansätze zur Quantifizierung des operationellen Risikos

Wie bereits eingangs erläutert, umfasst das operationelle Risiko – als eine Art Residualkategorie – ein großes Spektrum. Die Liste der Risiken, die hierunter subsumiert werden können, ist praktisch ohne Grenzen. Auf Basis obiger Definition umfasst sie u. a. IT-Fehler, betrügerisches Verhalten, Diebstahl, Interessenkonflikte oder Missverständnisse.

Im Solvency II-Standardmodell wird die Kapitalanforderung für das operationelle Risiko nicht risikosensitiv ermittelt. Vielmehr basiert der Ansatz auf relevanten größenspezifischen Merkmalen des Unternehmens.

Im Rahmen von Basel II haben sich bei den Banken neben dem Standardansatz insbesondere beim operationellen Risiko zunehmend differenziertere Analysemethoden etabliert.
Der sogenannte „Advanced Measurement Approach“ darf nur bei Erfüllung einer Vielzahl von Anforderungen zur Anwendung kommen. Eine bedeutende Alternative stellt hier der Aufbau von Schadenfalldatenbanken dar. Aufgrund der Schadeneintrittsfrequenz bei operationellen Risiken und der stark schwankenden – und häufig auch nur

schwer quantifizierbaren – Schadenhöhe werden diese oft zusätzlich aus externen Datenpools gespeist. Nur so kann eine ausreichende Datenmenge sichergestellt werden. Die Schadenfalldatenbank liefert dann die Grundlage für die quantitative Bewertung des operationellen Risikos.

Ob sich solche Ansätze vermehrt auch in der Versicherungswirtschaft durchsetzen werden, bleibt zunächst abzuwarten. Der Aufbau der Schadenfalldatenbanken ist sehr aufwändig und der Rückgriff auf externe Datenpools de facto unabdingbar, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Die Auswirkung auf die Höhe der Kapitalanforderung ist zudem aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten zwischen internem Ansatz und Standardansatz noch unklar. Im Wesentlichen kann an dieser Stelle die fehlende Risikosensitivität des Standardsatzes für das operationelle Risiko als Argument pro interner Ansatz genannt werden.

Im Augenblick ist daher sicherlich die Nutzung des Standardansatzes für einen Großteil der Branche Ziel führend.