Ermittlung der Kapitalanforderungen für das Zinsrisiko

Beim Zinsrisiko handelt es sich um das Risiko, dass sich der Wert der Basiseigenmittel aufgrund von Bewegungen der risikolosen Zinskurve oder deren Volatilität verändert.
Bei der Kapitalanforderung für das Zinsrisiko handelt es sich um den größeren Verlust der Basiseigenmittel der sich gegenüber der risikoneutralen Bewertung in zwei Schockszenarien ergäbe, nämlich den Szenarien Zinsanstieg und Zinsrückgang.

Die Berechnung des Zinsrisikos

Zunächst müssen die risikolose Zinskurve (risk-free rate – RFR) und die Zinskurve für die Szenarien Zinsanstieg und Zinsrückgang bestimmt werden.

Bei der Zinskurve handelt es sich pro Währung um die risk-free rate (RFR), die risikofreie Zinskurve. Sie ermittelt sich aus aktuell gehandelten Zinsen, wo der Markt den Kriterien tief, liquide und transparent gerecht wird (deep, liquid, transparent – DLT). Hierbei handelt es sich um eine von EIOPA fest vorgegebene Liste. Stehen keine DLT-Marktbeobachtungen zur Verfügung, werden Zinsen über die Smith-Wilson-Methodik inter- oder extrapoliert. Das Modell verwendet eine in Fachkreisen nicht unumstrittene Ultimate Forward Rate (UFR), gegen die die Forward Rate der Zinskurve langfristig konvergiert. Die UFR für die RFR in EUR beträgt z.B. 4,2%.

Die Zinskurven für die Schockszenarien Zinsanstieg und Zinsrückgang bestimmen sich nach folgender Tabelle relativ zum Niveau der RFR. Der Abstand beträgt pro Laufzeit allerdings mindestens einen Prozentpunkt. Einzige Ausnahme bilden negative Zinsen. Hier wird im Zinsrückgangsszenario keine Veränderung angenommen. Veränderungen für Laufzeiten, die sich nicht in der Tabelle finden, werden linear interpoliert oder im Fall einer Duration von weniger als einem Jahr oder mehr als 90 Jahren konstant extrapoliert.

Restlaufzeit (in Jahren) Zinsanstieg Zinsrückgang
≤1 70% -75%
2 70% -65%
3 64% -56%
4 59% -50%
5 55% -46%
6 52% -42%
7 49% -39%
8 47% -36%
9 44% -33%
10 42% -31%
11 39% -30%
12 37% -29%
13 35% -28%
14 34% -28%
15 33% -27%
16 31% -28%
17 30% -28%
18 29% -28%
19 27% -29%
20 26% -29%
≥90 20% -20%

Abb. 1: Zinskurven für die Schockszenarien

Als nächster Schritt werden für die Aktivseite sämtliche zinssensitiven Kapitalanlagen (Obligationen, Inhaberschuldverschreibungen, Schuldschein-Darlehen, Namensschuldverschreibungen, Zinsderivate, Einlagen bei Kreditinstituten z. B. Sparbrief, Sparbuch, Tagesgeld, etc.) erfasst.

Auf Grundlage der Zahlungsströme jeder einzelnen Kapitanlage i der Aktivseite A und jeder Verpflichtung j der Passivseite L sind nun die folgenden drei Werte zu ermitteln:

1. Den risikoneutralen Barwert der nach Bewertung der Cashflows mit der risikolosen Zinskurve

NAVint = ∑i PVint iA – ∑j PVint jL,

2. den gestressten Barwert nach Bewertung der Cashflows mit der Zinskurve des Schockszenarios Zinsanstieg

upNAVint = ∑i upPVint iA – ∑j upPVint jL

3. und den gestressten Barwert nach Bewertung der Cashflows mit der Zinskurve des Schockszenarios Zinsrückgang

downNAVint = ∑i downPVint iA – ∑j upPVint jL.

Die Kapitalanforderung für das Zinsrisiko entspricht dann dem größeren Rückgang der Basiseigenmittel in den Schockszenarien gegenüber dem risikoneutralen Barwert:

SCRintnet = max ( NAVintupNAVint ,

NAVintdownNAVint , 0)

Neben dieser Netto-Berechnung der Kapitalanforderung, die mögliche zukünftige Überschussbeteiligungen berücksichtigt, wird zusätzlich noch die Kapitalanforderung brutto ohne deren risikomindernde Wirkung berechnet:

SCRintbrut = ∑i PVint iA – ∑i up/downPVint iA

wobei beim Subtrahenden der Gleichung das relevante Zinsschockszenario der Netto-Darstellung zu wählen ist.

Vereinfachte Berechnung des Zinsrisikos für unternehmenseigene Versicherungen oder Rückversicherung

In der Delegiertenverordnung 2015/35 Paragraph 103 wird eine vereinfachte Berechnung des Zinsänderungsrisikos für unternehmenseigene Versicherungen oder Rückversicherungen erlaubt.

In diesem Fall erfolgt die Berechnung der Eigenkapitalanforderung wie folgt:

SCRint = max ( IRup,IRdown )

mit

IRup = ∑i MVALi · duri · ratei · shock(i,up)

lob BElob · durlob · ratelob · shock(lob,up)

und

IRdown = ∑i MVALi · duri · ratei · shock(i,down)

lob BElob · durlob · ratelob · shock(lob,down)

wobei gilt:

  • i durchläuft alle Fälligkeitsintervalle (siehe nachstehende Tabelle)
  • MVALi bezeichnet die Differenz der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten zum Fälligkeitsintervall i mit Ausnahme der versicherungstechnischen Rückstellungen
  • duri bezeichnet die vereinfachte Restdauer zum Fälligkeitsintervall i
  • ratei bezeichnet den risikofreien Zinssatz für die Restdauer zum Fälligkeitsintervall i
  • shock(i,up) bzw. shock(i,down) bezeichnet das Schockszenario Zinsanstieg bzw. Zinsrückgang für die vereinfachte Restdauer zum Fälligkeitsintervall i
  • LoB durchläuft alle Geschäftsbereiche laut Level 2 Draft Anlage I
  • BELoB bezeichnet den Best Estimate für die jeweiligen Geschäftsbereiche LoB
  • durLoB bezeichnet die modifizierte Duration zum Best Estimate über die Geschäftsbereiche LoB
  • rateLoB bezeichnet den risikofreien Zinssatz für die modifizierte Duration in den jeweiligen Geschäftsbereichen LoB
Fälligkeitsintervalle i (in Jahre) Vereinfachte Restlaufzeit duri
0-1 0,5
1-3 2
3-5 4
5-10 7
Ab 10 12

Abb. 2: Fälligkeitsintervalle

Berücksichtigung des Zinsänderungsrisikos in den Quantitative Reporting Templates (QRT)

Das Zinsänderungsrisiko inklusive Kapitalanforderung wird als Teil des Marktrisikos im Meldeformular 26.01 ausgewiesen. Neben dem Wert von Anlagen und Verpflichtungen vor einem Schock wird der errechnete Wert der Anlagen nach dem ausgewählten Schock sowie der Wert der Verpflichtungen vor und

nach der Absorbierung der entstandenen Verluste ausgewiesen. Aus diesen Werten ergeben sich über den Verlust der Basiseigenmittel sowohl eine Kapitalanforderung brutto (vor Berücksichtigung der Verluste für Versicherungsnehmer) als auch einer Kapitalanforderung netto (nach deren Berücksichtigung).

Ausblick

Aufgrund des langanhaltenden Niedrigzinsumfelds im Euroraum wurde 2016 von Finanzmarktexperten angeregt, die UFR von 4,2% auf einen tieferen Wert zu korrigieren. Dieser Vorschlag wurde von EIOPA mit der Begründung abgelehnt, dass es sich bei der UFR um einen langfristigen Parameter handelt, der nicht unabhängig vom Gesamtmodell geändert werden sollte. Eine Änderung vor dem Revisionsprozess für die Zinskurve vor 2018 wird damit zurückgewiesen.

Sollte das Niedrigzinsumfeld bis 2018 anhalten, ist eine Modellanpassung, die zu einer tieferen RFR führt, denkbar. Das könnte insbesondere für Lebensversicherungen geringere Basiseigenmittel und aufgrund der aktuellen Schockszenarios eine höhere Kapitalanforderung für das Zinsrisiko mit sich bringen.

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