Ermittlung des Gegenparteiausfallrisikos

Das Gegenparteiausfallrisiko, dessen Ermittlung maßgeblich von der Datenqualität der Vorsysteme abhängt, nimmt in der Berechnung der Eigenmittelanforderung einen relativ geringen Stellenwert ein. Bei einem Schaden-/Unfallversicherer liegt der Beitrag zum SCR bei durchschnittlich 3%. Angesichts dieser Tatsache ist die enorm hohe Komplexität zur Berechnung der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos unverhältnismäßig.

Das Gegenparteiausfallrisiko

Das Gegenparteiausfallrisiko bezeichnet das Risiko von Verlusten aufgrund unerwarteter Ausfälle oder Verschlechterungen der Bonität von Gegenparteien und Schuldnern während der nächsten 12 Monate (siehe § 105 des Versicherungsaufsichtsgesetzes). Nach Artikel 189 der DELEGIERTEN VERORDNUNG (EU) 2015/35 wird beim Gegenparteiausfallrisiko grundsätzlich zwischen 2 Exposure-Typen unterschieden. Folgende Forderungsarten fließen in den Exposure-Typ 1 ein (wobei n die Anzahl der Gegenparteien sei):

  • Rückversicherungsverträge,
  • finanzielle Absicherungsinstrumente wie z.B. Verbriefungen und Finanzderivate,
  • Bankguthaben,
  • Einlagen bei Zedenten (falls n ≤ 15),
  • Grundkapital, Vorzugsaktien, Gründungsstocks, Garantien, Schadenzahlungs-Nachschüsse oder andere Verpflichtungen Dritter zugunsten des Versicherungsunternehmens (VU), die abgerufen, aber noch nicht eingezahlt sind (falls n ≤ 15) und
  • Garantien, Bürgschaften, Patronatserklärung oder andere Verpflichtungen, die das VU eingegangen ist und die von der Kreditwürdigkeit oder dem Ausfall einer Gegenpartei abhängen.

Dem Exposure-Typ 2 sind folgende Forderungsarten zu zuordnen (wobei n die Anzahl der Gegenparteien sei):

  • Außenstände von Vermittlern,
  • Hypothekendarlehen,
  • Forderungen an Versicherungsnehmern (Beitragsrückstände)
  • Depoteinlagen bei Zedenten (optional, falls n > 15, sonst Typ 1) und
  • Grundkapital, Vorzugsaktien, Gründungsstocks, Garantien, Schadenzahlungs-Nachschüsse oder andere Verpflichtungen Dritter zugunsten des VU, die abgerufen, aber noch nicht eingezahlt sind (optional, falls n > 15, sonst Typ 1).

Zu beachten ist, dass es einige Risiken gibt, die nicht vom Gegenparteiausfallrisiko abgedeckt sind. Hierzu gehören:

  • Zugrunde liegendes Kreditrisiko von Kreditderivaten,
  • Kreditrisiko aus der Emission von Schuldtiteln durch Zweckgesellschaften,
  • Versicherungstechnisches Risiko aus Kredit und Kaution der Geschäftsbereiche 9 und 21 (Kredit- und Kautionsversicherung) und
  • Kreditrisiko aus Hypothekendarlehen, die nicht die Anforderungen des Artikels 191 Absätze 2 bis 9 der DELEGIERTEN VERORDNUNG (EU) 2015/35 erfüllen.

Im Standardverfahren sind für die Berechnung der Kapitalanforderung des Gegenparteiausfallrisikos für jede der Gegenparteien die folgenden Informationen notwendig:

  • die Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of default, PD) sowie
  • der erwartete Verlust bei Ausfall (Loss Given Default, LGD).

Während sich die Ausfallwahrscheinlichkeit auf Basis der Bonitätsstufe, die sich wiederum aus dem Rating der Gegenpartei ergibt, ermitteln lässt, ist die Berechnung des erwarteten Verlusts bei Ausfall (LGD) wesentlich komplexer.

Für die Berechnung des LGD bzgl. des Ausfalls von Rückversicherern oder Derivaten ist der sogenannte risikomindernde Effekt auf das versicherungstechnische Risiko, bzw. auf das Marktrisiko zu ermitteln. Hierfür ist in beiden Fällen

  • die hypothetische Kapitalanforderung für das vt. Risiko bzw. das Marktrisiko, wenn die Rückversicherung oder das Derivat nicht vorhanden wären (SCRhyp), sowie
  • die normale Kapitalanforderung für das vt. Risiko bzw. das Marktrisiko unter Berücksichtigung der Risikominderung sämtlicher Gegenparteien ((Netto-) SCR)

zu ermitteln.

Der geschätzte Verlust bei Ausfall von allen anderen Forderungen vom Exposure-Typ 1, Forderungen bei Hypothekendarlehen sowie allen Forderungen des Exposure-Typ 2 werden anhand der Marktwerte ggf. unter Berücksichtigung von risikoadjustierten Werten von Sicherheiten bestimmt.
Beispielsweise muss bei einer Rückversicherung als Gegenpartei im Schaden-/Unfall-Segment die Differenz zwischen dem SCRhyp und dem (Netto-) SCR berechnet werden. Dies entspricht dem risikomindernden Effekt (RMre) auf das versicherungstechnische Risiko durch die Rückversicherung. Das SCRhyp bei Ausfall des Rückversicherers ergibt sich, indem der Anteil der Rückversicherung bei den Prämien, Schäden und dem Katastrophenrisiko nicht berücksichtigt wird und die Nettowerte um diesen Anteil erhöht werden. Das SCR wird somit neu ermittelt mit der Annahme, dass der Rückversicherer nicht vorhanden wäre.

In Abbildung 1 wird dies exemplarisch für die Schadenzahlungen dargestellt.

RMre-Berechnung vor und nach RV-Ausfall
Abbildung: RMre-Berechnung vor und nach RV-Ausfall

Die Berechnung des LGD je Rückversicherer bzw. je Derivat ergibt sich dann durch Multiplikation der Summe aus den ausstehenden Forderungen gegenüber dem Rückversicherer bzw. dem Marktwert des Derivats und dem risikomindernden Effekt durch die Rückversicherung bzw. durch das Derivat mit einem fest vorgegebenen Faktor. Abschließend wird ein risikoadjustierter Wert von zusätzlichen Sicherheiten in Bezug auf die Rückversicherungsvereinbarung bzw. in Bezug auf das Derivat abgezogen.

Die Höhe der eigentlichen Kapitalanforderung für den Ausfall der Rückversicherung bzw. des Derivats basiert auf dem Ergebnis der Standardabweichung der Verlustverteilung. Hier fließen die komplizierten Abhängigkeiten der einzelnen LGDs bzgl. Rückversicherung, Derivate und allen weiteren Exposures vom Typ 1 sowie die zugehörigen Ausfallwahrscheinlichkeiten ein. Diese sind dabei dem jeweiligen Ratingergebnis zugeordnet.

Die Berechnungen sind für jede Gegenpartei einzeln vorzunehmen – und genau hier liegt die Herausforderung: für die Datenbasis bedeutet dies z.B. im Falle des Ausfallrisikos aus dem Rückversicherungsgeschäft, dass für jeden Geschäftspartner pro Area, für jede Line of Business (LoB) und für das jeweilige Geschäftsjahr die Prämien- und Schadenzahlungen sowie die Katastrophenrisikodaten bekannt sein müssen.

Diese Datenanforderung für die Berechnung der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos ist enorm, und steht zumeist nicht im Verhältnis zu der Höhe der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos im Vergleich zur Gesamtkapitalanforderung. Bei Lebens-versicherungsunternehmen wird diese Komplexität der Berechnung um einiges höher, denn hier müssen die Auswirkungen des Ausfalls eines jeden Geschäftspartners auf die zukünftigen Zahlungsströme projiziert werden.

Vereinfachtes Verfahren zur Berechnung der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos

Aufgrund der oben erwähnten Komplexität kann neben dem Standardverfahren zur Berechnung der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos ein vereinfachtes Verfahren herangezogen werden, welches in Artikel 107 der DELEGIERTEN VERORDNUNG (EU) 2015/35 vorgeschlagen wird.

Die Vereinfachung besteht darin, den risikomindernden Effekt bzgl. der Rück-versicherungsvereinbarungen auf das versicherungstechnische Risiko für alle Gegenparteien gemeinsam zu ermitteln.

Um nun auf den risikomindernden Effekt eines Rückversicherers zu kommen, wird der gesamte risikomindernde Effekt über den Anteil der ausstehenden Forderungen des Rückversicherers an den gesamten ausstehenden Forderungen gegenüber allen Rückversicherern gewichtet.

Indem somit alle Rückversicherer als ein fiktiver Rückversicherer behandelt werden, wird der Datenbedarf enorm reduziert. Denn bei Ausfall des fiktiven Rückversicherers fallen gerade die Netto-Zahlungsströme so aus, dass sie mit den Brutto-Zahlungsströmen identisch sind (Abbildung 2).

RMre-Berechnung bei fiktivem RV
Abbildung: RMre-Berechnung bei fiktivem RV

Ausblick und Vergleich der Verfahren

Die Berechnung der Kapitalanforderung des Ausfallrisikos nach dem Standardverfahren ist aufgrund der Ermittlung des LGD pro Rückversicherung bzw. pro Derivat mit einem enormen Aufwand bzgl. der Datenaufbereitung verbunden. Daher bleibt abzuwarten, ob es seitens EIOPA weitere Vereinfachungsmöglichkeiten, die von Versicherungsgesellschaften praktikabel umzusetzen sind, geben wird.

Standardansatz vs. Vereinfachter Ansatz

Die Entscheidung, wann ein Versicherungsunternehmen das Standard-verfahren oder das vereinfachte Verfahren zur Berechnung des Ausfallrisikos benutzen sollte, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

1. Anteil der Geschäftspartner am Versicherungsgeschäft,
2. Anzahl der Geschäftspartner,
3. Streuung des Ratings der Geschäftspartner,
4. Art des Geschäfts des Versicherungsunternehmens.

Berücksichtigung des Gegenparteiausfallrisikos in den Quantitative Reporting Templates (QRT)

Die Ergebnisse des Gegenparteiausfallrisikos werden im Meldeformular S.26.02 ausgewiesen. Für den Exposure Typ 1 werden zusätzlich zum Endergebnis die zehn größten Single Name

Exposure gemessen am LGD dargestellt. Die Ergebnisse des Exposure Typ 2 werden ebenfalls in dem Meldeformular angegeben.

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