Vom Standardmodell zur integrierten Risikosteuerung

Erste Schritte auf dem Weg zum internen Modell

Die vielen Durchläufe der „quantitative Impact Studies“ bis hin zur QIS 5 haben letztendlich nur eines bewiesen: Die Standardformel hat sich langsam aber sicher weg bewegt von einem einfachen Standardansatz hin zu einem komplexen Berechnungsschema, das allein in der Befüllung viele Unternehmen schon vor große Herausforderungen stellt. Trotz (oder vielleicht auch wegen) der hohen Komplexität ist der Ansatz kaum zur Unternehmenssteuerung geeignet. Für kleine oder mittlere Unternehmen stellen wegen der hohen aufsichtsrechtlichen Anforderungen interne Modelle derzeit keine wirkliche Alternative dar; diese Unternehmen sind kurz- bis mittelfristig auf die Anwendung des Standardansatzes angewiesen. Hier stellt sich eher die Frage, ob man nicht das Eine tun kann ohne das Andere zu lassen, d. h. ob man nicht den hohen Aufwand zur Befüllung der Standardformel auch für die Unternehmenssteuerung nutzen kann, im Idealfall im Sinn eines Entwicklungsprozesses in Richtung internes Modell.

Aus der Durchführung der „Quantitative Impact Studies“ bis hin zur QIS 5 ergeben sich letztendlich zwei zentrale Botschaften. Die schlechte Nachricht zuerst: Man muss einen erheblichen Daten- und Modellierungsaufwand betreiben, um die Standardformel zu erstellen. Die gute Nachricht danach: Man hat eine einheitliche Datenquelle für viele relevante Risikoinformationen eines Unternehmens.
Die „umtriebigen“ Bemühungen der europäischen Aufsichtsbehörden haben letztendlich dazu geführt, dass man nicht mehr wie in den „guten alten Solvency I Zeiten“ mit einigen wenigen Bilanzkennzahlen über die Runden kommt.

So muss man beispielsweise bei der Bewertung der Kapitalanlagen mehr und mehr die Volatilität der Kapitalmärkte in geeigneter Weise in Betracht ziehen.
Auf den ersten Blick ist gegen die Konzeption der Standardformel nichts einzuwenden. So stellt der Ansatz zunächst einmal auf die Aufstellung der Solvenzbilanz ab, wobei durch die Anwendung des „Tier“-Konzeptes die Approximation einer Marktwertbilanz angestrebt wird. Die einzelnen Risikomodule (vergleiche dazu die nachstehende Abbildung) bilden dabei relativ gut die Risikopositionen in einer Gewinn- und Verlustrechnung ab.

Modulaufbau der Standardformel gemäß der „Technical Specifications“ für die QIS 5
Abbildung: Modulaufbau der Standardformel gemäß der „Technical Specifications“ für die QIS 5

Bedauerlicherweise hat man bei der Standardformel dieses Konzept aber nicht konsequent zu Ende gedacht und die einzelnen Komponenten in einem einfachen Simulationsmodell abgebildet.
Wie der aufsichtsrechtlich verwendete Begriff „Standardformel“ anstelle des eher umgangssprachlich verwendeten Begriffs „Standardmodell“ schon andeutet, hatte man bei der Konzeption des „Standardmodells“ als eine geschlossene (in einem Spread Sheet darstellbare) „Standardformel“ zunächst einmal die Eindeutigkeit der Berechnungsergebnisse im Sinn.

Bei Simulationsmodellen hingegen kann i. d. R. ein einmal erzieltes Ergebnis nicht mehr reproduziert werden; die aufsichtsrechtlich zwingend erforderliche Nachvollziehbarkeit eines Ergebnisses ist aber bei fehlender Reproduzierbarkeit nicht gegeben.
Dies ist jedoch nur auf den ersten Blick eine schlüssige Argumentation. Durch die Vorgabe der Anzahl der Simulationen zusammen mit den zu jeder einzelnen Simulation gehörenden Zufallszahlen wird aus jedem Simulationsansatz sofort eine eindeutige Berechnungsformel.

Darüber hinaus können einfache Simulationsansätze auch bereits in EXCEL abgebildet werden, so dass solche Ansätze (wenn man analog zur Vorgehensweise bei der QIS 5 die Verfügbarkeit von EXCEL voraussetzt) auch allgemein in den verschiedenen QIS zur Verfügung hätten gestellt werden können.

Warum dieses Plädoyer für einen komplexen mathematischen Ansatz? Weil der vermeintlich komplexere Ansatz nicht nur richtiger, sondern letztendlich auch viel einfacher ist. Simulationsmodelle sind ja eigentlich erfunden worden, um Verteilungen, die wegen der hohen Komplexität der Zusammenhänge nicht mehr in einer geschlossenen Formel beschrieben werden können, in einer Art Versuchslabor (wie bei einem Windkanal) empirisch zu approximieren. Die „Standardformel“ ist ja gerade teilweise so komplex geworden, weil man in einer Art „Quadratur des Kreises“ das (fast) Unmögliche versucht hat; dem Wunsch nach einer geschlossenen Formel sind dabei an vielen Stellen die Einfachheit und logische Stringenz des Ansatzes geopfert worden. So bleibt die eher unbefriedigende Feststellung: Die „Standardformel“ ist letztendlich komplizierter als ein einfaches internes Modell bei geringerer logischer Stringenz und Steuerungsrelevanz.

Aufgrund des fortgeschrittenen Prozesses von Solvency II wird man an der Standardformel wohl kaum noch kaum etwas fundamental ändern können (wobei man sich trotz der ganzen Konsultationsphasen manchmal auch fragt, ob man je etwas hätte fundamental ändern können).
Was aber bleibt, ist die erzwungene Bereitstellung umfangreicher Risikoinformationen – beispielsweise in einem gefüllten QIS 5 Spread Sheet. Dieses Gut sollte man nicht ungenutzt liegen lassen!

So kann man zunächst einmal das Versäumnis der „Standardformel“ ausgleichen und mit Hilfe der

vorhandenen Risikoinformation ein einfaches Simulationsmodell bauen. Dies kann zunächst vollkommen standardisiert erfolgen, indem man einfach die vorhandenen Informationen „uminterpretiert“ im Sinne einer konsequenten Ausrichtung auf stochastische GuV-Komponenten, die den zentralen Bestandteil eines jeden Simulationsmodells bilden. Selbst wenn man durch eine formale Uminterpretierung keine wirklich neuen Erkenntnisse erhält, stellt die konsequente Ausrichtung der verfügbaren Informationen auf die betriebliche Planungs- und Steuerungssystematik i. d. R. eine Mehrinformation dar. Selbst wenn man anfangs nur ein relativ einfaches Simulationsmodell konzipiert hat, hat man jetzt die Möglichkeit, sukzessive das Modell zu verbessern, indem man einfach modellierte Komponenten durch besser modellierte Komponenten ersetzt. Dabei kann man sich eng an der eigenen Steuerungssystematik orientieren. Letztendlich kann man also durch einen vergleichbar geringen Aufwand (zusätzlich zum hohen Einmalaufwand für die Erstellung der Standardformel) einen Weg beschreiten, der die mittel- bis langfristige Etablierung eines internen Modells in folgenden Schritten ermöglicht:
  1. Befüllung des Standardmodells / der QIS 5 in ausreichender Datenqualität,
  2. Übertragung / Neu-Interpretation auf eine konsequente Steuerungssystematik,
  3. sukzessiver Ersatz von Komponenten durch Komponenten eines internen Modells und
  4. Freischaltung des internen Modells mindestens für die Unternehmenssteuerung.

Dabei kann jedes Unternehmen individuell die Geschwindigkeit festlegen. Auch wenn ein Unternehmen überhaupt nicht den Einsatz interner Modelle anstrebt, stellt bereits der einfache erste Schritt einen deutlichen Nutzengewinn im Sinne eines Umgangs mit den eigenen Risiken dar und hilft, diese geeignet abzusichern.

Der hohe Aufwand für die Erstellung der Standardformel rein nur aus aufsichtsrechtlichen Zwecken mag zwar ein Ärgernis darstellen, es bietet sich daraus aber auch eine Chance auf eine risikoadäqate, wertorientierte Unternehmenssteuerung. Insbesondere bei der hohen Volatilität auf der Kapitalanlageseite sind geeignete Maßnahmen zwingend, um entsprechenden Bilanzschutz betreiben zu können.

Der große Umfang der bereit zu stellenden Risikoinformationen ermöglicht es gerade, den Weg in Richtung wert- und risikoorientierter Unternehmenssteuerung zu beschreiten. Der erste Schritt hierzu ist vergleichsweise einfach und besteht in einer geänderten Organisation und Interpretation der Informationen.
Selbst wenn ein Unternehmen nicht notwendigerweise die Etablierung interner Modelle anstrebt, ergibt sich aus einer Neu-Interpretation des Standardansatzes schon ein deutlicher Mehrwert gegenüber der reinen Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen.